

Stundenbuch nach dem Usus von Paris, wohl Avignon, um 1420, Tinte, Pigmente und Blattgold auf Pergament, Basel, Universitätsbibliothek, UBH CL 97, ff. 147v-148r.
Von Serena Baumann, Oona Kuster, Yvonne Roos und Lena Rudolf
Im Bild, das den Gebetstext der „Fünfzehn Freuden der Jungfrau Maria“ einleitet, sehen wir die thronende Maria mit dem Christuskind. Die drei roten Rosen in Marias linker Hand verweisen auf das zukünftige Blutvergiessen Christi am Kreuz. Der kniende Mann stellt wahrscheinlich den ersten Besitzer dieses Stundenbuchs dar. Eine Schriftrolle verläuft von ihm zum Christuskind, das sein Gebet wohlwollend aufnimmt.

Der Gebetstext unter dem Bild – die „Fünfzehn Freuden der Jungfrau Maria“ – fordert den Betenden auf, sich während des Gebets fünfzehn Mal zu verbeugen. Diese körperliche Gebetspraxis wird durch die Figur des knienden Mannes im Bild angedeutet. Seine Figur zeigt, wie man nicht nur mit Worten, sondern auch mit einem konzentrierten Blick und seinem Körper beten sollte. Das Bild geht sogar noch einen Schritt weiter: es verspricht, dass sein Gebet von Christus selbst angenommen wird.


UBH CL 97, f. 216r.
Spannenderweise finden sich in der Handschrift Hinweise auf eine spätere Besitzerin. Ein Bild für das Totenoffizium zeigt ungewöhnlicherweise die Heilige Katharina, die Maria und dem Christkind eine kniende Frau präsentiert. Dies könnte darauf hindeuten, dass das Stundenbuch in den Besitz einer Frau namens Katharina gelangte, die sich und ihre Namenspatronin in der Handschrift darstellen liess.
Vorschau Phase II (ab 17. Juni 2025)
Sieben Bitten an den Schmerzensmann


UBH CL 97, ff. 154v-155r.
Das Bild, das das Gebet der „Sieben Bitten“ eröffnet, zeigt Christus als thronenden Schmerzensmann, mit Dornen gekrönt und aus seinen Wunden blutend. Flankierende Engel tragen die Instrumente seiner Passion: Kreuz, Nägel, Lanze und Peitsche. Der starre Blick Christi, das tiefrote Blut und die Zurschaustellung der Folterwerkzeuge konfrontieren die Betrachter:innen mit seinem Leiden, während sie um seine Hilfe beten.

Das Gebet der „Sieben Bitten an unseren Herrn“ (Les VII requêtes Notre-Seigneur) wird normalerweise von einer Darstellung der Dreifaltigkeit begleitet. Dieses Stundenbuch weicht von dieser Tradition ab. Obwohl das Bild das Leiden Christi und die Instrumente seiner Passion stark betont, wirkt die Gestalt Christi wenig schmerzerfüllt und blickt den Betrachter ruhig an. Vielleicht orientiert sich das Bild in dieser Hinsicht an dem Gebetstext. Dieser beschreibt mehrmals die Leiden Christi mit dem französischen Wort „doulz“ (süss). Diese scheinbar paradoxe Bezeichnung der Schmerzen Christi als süss ist ein Kennzeichen der spätmittelalterlichen Frömmigkeit. Die Aufnahme dieses französischen Gebets und seines ungewöhnlichen Bildes zeigt deutlich, dass dieses Stundenbuch nach den besonderen Wünschen des Auftraggebers gestaltet wurde.