Himmlisches Schauspiel

Stundenbuch, wohl Avignon, um 1400, Tinte, Pigmente und Blattgold auf Pergament, Basel, Universitätsbibliothek, UBH CL 77, ff. 240v-241r.

Von Giulia Bomio, Elena Borer, Marta Gay und Victoria Waltisperg

Diese Illumination zeigt die Aussendung des Erzengels Gabriel durch den dreieinigen Gott an Maria. Die betende Maria ist jedoch ganz in ihr Buch vertieft und scheint Gabriel gar nicht zu bemerken. Während sie liest, entfaltet sich über ihr eine himmlische Szene mit der Dreifaltigkeit und dem Verkündigungsengel. Findet alles nur in Marias Vorstellung statt? Sehen wir, was Maria, vertieft ins Gebet, innerlich wahrnimmt?

Das Bild verleitet die Betenden dazu, sich in Maria und damit in das Heilsgeschehen zu versetzen. Denn Maria macht dasselbe wie sie: konzentriert lesen und beten. Wie andere ausgestellte Handschriften zeigen, liessen sich die Auftraggeber:innen oft in ihren Stundenbüchern porträtieren.

Meist halten wir Gold für das wertvollste aller Materialien. Hier aber fesselt ein strahlendes, kostbares blaues Pigment den Blick und verbindet den Mantel Marias mit den Flügeln Gabriels und der Wolke um die Dreifaltigkeit. Wer die Miniatur aufmerksam betrachtet, entdeckt in der blauen Wolke zahlreiche Engel. Vergleichbare mittelalterliche Bilder, in denen sich durch intensives Betrachten eine spirituelle Tiefe eröffnet, sind keine Seltenheit. Ihre zahlreichen lebendigen Details sollten die fromme Vorstellungskraft anregen.

Vorschau Phase II (ab 17. Juni 2025)

Das Wort erleuchtet: Ein Spiel zwischen Text und Bild

CL 77, ff. 244v-245r.

In dieser Darstellung der Auffahrt verlässt Christus die physische Welt und zugleich das Bildfeld. Generell folgte die Arbeit des Malers der des Schreibers. Hier integrierte der Maler bewusst die Worte Christus filius (Christus der Sohn) in die aufsteigende Christusfigur. Mit künstlerischer Finesse wird hier im Sinne dieses Ereignis die Grenze zwischen Irdischem und Himmlischem sowie zwischen Wort und Bild durchbrochen.

Die vorliegende Beziehung zwischen Bild und Text ist vielschichtig und raffiniert: Im Johannesevangelium steht: «Im Anfang war das Wort, […] das Wort war Gott. […] und das Wort ist Fleisch geworden.» Diese Worte beschreiben die Menschwerdung Gottes in Christus, dem Sohn Gottes. Die Auffahrt ist jener Moment, in dem Christus seine Mutter verlässt und zu Gott dem Vater im Himmel zurückkehrt. In diesem Bild der Auffahrt wird die Vereinigung des göttlichen Wortes und der menschlichen Gestalt in Christus auf ungewöhnliche Weise thematisiert: Die Gestalt Christi scheint hinter den Worten Christus filius (Christus, der Sohn) aufzusteigen. Der Buchmaler inszeniert so den theologischen Kern der Szene: die göttliche Transzendenz des menschgewordenen Christus.